Mit dem Datum 1998/10/21 ist diese Seite nicht mehr ganz aktuell. Aktuell bleibt allerdings, sich an Werner Herzogs unausgegorene Aufforderung zum "Ruck" zu erinnern. Wenn man als Präsident durch Asien reist und dort eine entsprechende Sonderbehandlung genießt, kommt man halt zu leicht mit sonderbaren Ratschlägen nach Deutschland zurück. In Indonesien mündete die von Herzog bewunderte "Dynamik" in Mord und Totschlag. An dieser Entwicklung war auch Herzogs die Realitäten in Asien absichtsvoll ignorierende Bewunderung mit schuld. Nicht die Entwicklung einer gesunden Wirtschaft, sondern der Zusammenbruch eines korrupten (dem Westen allerdings nutzbringenden) Wirtschaftssystems führte nun zu den ersten Schritten in Richtung Demokratie. Noch aber beherrscht "Dynamik" das Land. (1999/07/03, Götz Kluge)
Indonesien beeinflußt Deutschland: Amok gelangte aus dem Malaysischen nicht nur nach Indonesien, sondern fand im Amoklauf auch einen festen Platz in deutschen Wörterbüchern. Asien beeinflußt aber nicht nur unser Vokabular, sondern in einer klein gewordenen Welt auch viele andere Aspekte unseres Lebens. So ist Indonesien zum Beispiel ein Repräsentant der sogenannten "Asiatischen Werte", von denen zu lernen wir in schönen "Ruck"-Reden ermahnt wurden. Natürlich gibt es asiatische Werte, sogar eine ganze Menge davon. Schließlich gibt es ja viel Platz zwischen Istanbul und Wladiwostok. Aber sind das wirklich die Werte "der" Asiaten? Auch deren Duldsamkeit hat Grenzen. Und je mehr diese Grenzen in Richtung des Unerträglichen verschoben werden, desto eher muß eines Tages wieder Amok das Ergebnis sein. Wer meint, Asien sei zuweit weg, als daß man sich darum kümmern könne, wird nur von den Werten wenig repräsentativer Asiaten hören und diese unverstanden nachplappern. Die diese Werte propagierenden Asiaten sammeln übrigens gerne westliche Werte mit einen Stern auf der Kühlerhaube.
Ich komme gerade aus Asien zurück. In vielen Ländern dort herrscht eine unglaubliche Dynamik. Staaten, die noch vor kurzem als Entwicklungsländer galten, werden sich innerhalb einer einzigen Generation in den Kreis der führenden Industriestaaten des 21. Jahrhunderts katapultieren. Kühne Zukunftsvisionen werden dort entworfen und umgesetzt, und sie beflügeln die Menschen zu immer neuen Leistungen. ... Durch Deutschland muß ein Ruck gehen. Wir müssen Abschied nehmen von liebgewordenen Besitzständen.
Bundespräsident Roman Herzog im Hotel Adlon, 1997/04/26
There is one social timebomb whose long-burning fuse may finally come to an explosive end: inequality. For the past couple of decades, the region's rapid economic growth had offset the impact of poor income distribution on poverty. Between 1984 and 1995, for instance, Indonesia's poor as a percentage of the population declined by 23.6 points. Of that, reports the World Bank, economic growth was responsible for fully 22.4 points, offsetting the impact of income distribution, which was calculated at --3.4 (it worsened poverty). ... One economy that may contract is Thailand, where inequality has worsened the most during Asia's growth spurt from the 1970s to the 1990s. In that time, the nation's Gini coefficient, the most common measure of inequality, jumped from 0.43 to 0.55. The gap between rich and poor has also widened considerably in China and Hong Kong, while it is creeping up in South Korea and the Philippines. Hence, the World Bank has found reason to retreat from its 1993 assessment that "rapid growth and reduced inequality [are] the defining characteristics of what has come to be known as the East Asian miracle."
Asiaweek, 1997/12/19
Asian countries have neglected to develop a social safety net to spread the pain in an economic downturn. As East Asia enters a long period of economic slowdown or even contraction, social stability becomes harder to achieve without such insurance. The key to economic recovery is reform. Increased social instability makes reform more difficult to implement. An increase in social spending, even at the expense of the fiscal balance, is in the long-term interest of the economies in Asia, in my view.
Andy Xie (Morgan Stanley Capital International), 1998/06/19
Amok nach dem Zusammenbruch: Wer die Zusammenhänge zwischen fehlender sozialer Sicherung und Amok nicht begreift und sich für die traurigen Hintergründe des vermeintlichen Fortschritts in Indonesien nicht interessiert, dem kann man auch in Deutschland leicht erzählen, daß wir von der "Duldsamkeit" der Asiaten lernen müßten und daß unser soziales Netz ein Luxus sei.
Zurück in die Armut: In Indonesien hatte man aber nicht nur den Aufbau der sozialen Sicherung sträflich vernachlässigt (siehe den diese Seite einleitenden Kommentar der Morgan Stanley Investmentbank), sondern es wurden von vielen Geschäften - auch mit deutschen Firmen - kräftige "Provisionen" abgezweigt, die aber nur den ohnehin gut betuchten Familien der indonesischen "Elite" zugute kamen. Nach dem Zusammenbruch jener Vetternwirtschaft gibt es nun keine Reserven, auf die die Indonesier zugreifen könnten. Plötzlich fanden sich sehr viele Indonesier in einer großen Armut wieder, die eigentlich schon als überwunden galt.
Amok gegen Sündenböcke: Seit Mai dieses Jahres erweisen sich die politisch Verantwortlichen und die Sicherheitskräfte als unfähig, zu verhindern, daß tausende von Geschäften chinesischstämmiger Indonesier geplündert und zerstört wurden, auch zum Schaden der Wirtschaft aller Indonesier. Aber die chinesischen Indonesier verloren nicht nur ihre Geschäfte. Sie wurden auch Opfer von mehr als hundert Vergewaltigungen, die zum Teil demonstrativ in der Öffentlichkeit stattfanden. Frauen und Mädchen, die sich wehrten, wurden ermordet.
Das geht auch Sie an! Denn im Zeitalter der Globalisierung wandern nicht
nur Produkte und Geld frei durch die Welt, sondern auch Werte - und Unwerte.
Wer sich nicht aufmerksam mit diesen Werten und mit der Realität dieser
Werte auseinandersetzt, der muß "Abschied nehmen von liebgewordenen
Besitzständen", die in einem demokratischen Rechtsstaat gemeinsam erarbeitet wurden.
Es geht
nicht darum, anderen Kulturen unsere Werte aufzuzwingen, sondern sich eben
mit ihnen auseinanderzusetzen. Das setzt
Anteilnahme an anderen Kulturen voraus,
von denen heute kaum noch eine so "fern" ist, daß sie uns unberührt ließe.
Wenn wir uns im Rechtsstaat Deutschland im Umgang mit unseren Handelspartnern an
Wegsehen, Weghören und Wegdenken gewöhnen, dann kann
die Rechtsstaatlichkeit auch in Deutschland wieder angreifbarer werden.
Schutz vor Gewalt:
Die neue indonesische Regierung wird geführt von dem in Deutschland ausgebildeten
Dr. Bacharuddin Jusuf Habibie.
(Sein Zweitwohnsitz in Norddeutschland ist - laut mir bekannten Buxtehudern - "eine Festung".
Das Amtsgericht Buxtehude ist für ihn zuständig.
Angeblich soll Habibie neben seiner indonesischen Staatsbürgerschaft sogar auch noch die
deutsche Staatsbürgerschaft besitzen.
Wenn das tatsächlich zuträfe, dann hätte er alle damit zusammengehörigen rechtlichen Verpflichtungen.)
Habibie versprach den indonesischen Bürgern
chinesischer Abstammung Schutz vor Gewalt sowie die Verfolgung und Bestrafung der
Vergewaltiger und Mörder. Das ist angesichts der Situation des Präsidenten eine
schwierige Aufgabe. Es ist aber auch eine Selbstverständlichkeit.
Noch haben das
Morden und die Vergewaltigungen kein Ende gefunden.
Sie können Präsident Habibie Ihre Anteilnahme und
ihre Sorge um das Morden in Indonesien in
Deutsch per Email mitteilen.
Dieser Text ist eine Begleitinformation zu einer Protestveranstaltung und Unterschriftensammlung der Chinesischen Frauenvereinigung in München (1998/09/19, München, Marienplatz): In 2 Stunden wurden 196 Unterschriften gesammelt, nicht viel, aber auch nicht wenig. Was mich insbesondere überrascht hat, war die hohe Zahl an jungen Unterzeichnern, so um die 20 herum. Die Leichtigkeit des Coolseins und der professionellen Flucht in die Borniertheit des Handelnden scheint also wieder von etwas mehr Zivilcourage abgelöst zu werden. Das läßt hoffen. Die Unterschriftensammlung geht weiter.
Asian values are universal, and European values are European. Mahatir bin Mohamad (Malaysias Premierminister, Bangkog 1996/03)
[Indonesien:] ...höchstes Pro-Kopf-Einkommen [im Vergleich zu Indien und China]; großes Marktpotential; wachsende Industrienachfrage; ASEAN: 300-400 Mio. Konsumenten ... militärgestützte Diktatur; hohe politische Stabilität; marktwirtschaftlische Ausrichtung und weitreichende Reformen ... Auflagen sehr gering; problematisch sind Bürokratie und Korruption; schwierige Partnersuche; Rechtssystem im Aufbau; Durchsetzbarkeit von Rechtsansprüchen problematisch
Deutscher Industrie- und Handelstag (DIHT) und Asien-Pazifik-Ausschuß der deutschen Wirtschaft (APA), Juni 1996
Die Publikation "Direktinvestitionen in China, Indien und Indonesien - Ein Vergleich der Investitionsstandorte" (135 Seiten) ist erhältlich beim DIHT, Abteilung Information, Postfach 14 46, 53004 Bonn, Telefax-Bestellservice: 02 28/10 46 63. Der Einzelpreis beträgt DM 60.--.
allgemeine Links:
Literatur für Manager
Wirtschaft:
Inequality |
How have the poor fared? |
Equality and Growth |
Growth and Distribution of Income |
Putting the Poor First |
NATO: Living Standards and Social Welfare |
Socioeconomic Inequality in Developing Countries
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Nach der Finanzkrise in Asien |
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Redaktion dieser Seite: Götz Kluge, 1998/10/21
für die Chinesische Frauenvereinigung in München, An-Ly Yao-Kluge, stellvertertretende Vorsitzende